Mittwoch, 16. Dezember 2015

Die Gnade

Meine lieben Leser,
das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und ich möchte euch als kleines Weihnachtsgeschenk meine neue Kurzgeschichte erzählen.
Der Grundgedanke dazu kam mir nach einer Fernsehdebatte, 
einer Talkshow  mit dem Thema  
"Das Alter, bzw, altern in der heutigen Zeit ".
Ich stellte mir vor, wie es bei mir sein würde und da ich,
so Gott will, in ein paar Tagen meinen  66 Geburtstag feiern darf, ist das nachdenken darüber schon manchmal präsent ;-)

Die Gnade

Eigentlich ist  sie schon so richtig alt,

mit 93 ist man nicht mehr jung.
Äußerlich zumindest, innerlich nicht, noch lange nicht.
Trotzdem, es ist nicht von der Hand zu weisen, das kalendarische Alter hat sie fest im Griff.
Die Haare sind echt weißblond , wenigstens muss sie nun nicht mehr das ewige färben aushalten. nicht gerade üppig ist ihre Haarpracht, aber sie  braucht keine Perücke, das freut sie.
Make Up trägt sie auch nicht mehr, außer einem Lippenstift, der ist Pflicht.
Lippenstift war schon immer ein Utensil, welches nie in ihrer Handtasche fehlen durfte.
Mit geschminkten Lippen fühlte sie sich immer angezogen, auch wenn das manchmal nur das einzige Make Up in ihrem Gesicht war.
Eine gestylte Frisur und angemalte Lippen und sie fühlte sich wohl . . . . und sicher im Umgang mit anderen Menschen.
Wenn man jung ist, experimentiert man schon gerne mal, Lidschatten, Wimperntusche und sonstige Verschönerungshilfen hat sie ausprobiert, wenn man jung ist gehört das einfach dazu !
Nun nicht mehr, jetzt wirkt sie alleine durch ihre Persönlichkeit.

Sie sitzt jetzt viel in ihrem Fernsehsessel.

Elektrisch höhenverstellbar und mit einer Aufstehhilfe versehen, schon toll, was man mit etwas Technik heutzutage alles machen kann.
Die alten Knochen wollen  nicht mehr so recht.
Arthrose in den Gelenken sind Schmerzhafte Veränderungen, sie hätte gerne darauf verzichtet.
Hinknien kann sie sich auch nicht mehr und sich bücken, wenn was hinunterfällt, na ja, entweder bleibt es eben erst mal unten oder sie benutzt ihren Stock zum hochkatapultieren . . . das klappt sogar manchmal.
Leider werden nun auch ihre Augen langsam müde. Sie tränen viel und das Fernsehen strengt an.
Das ist gar nicht schön, denn der Blick in die Klotze ist , nimmt man es genau, eigentlich der hauptsächliche Zeitvertreib, der ihr geblieben ist.
Sicher sind da noch die Hörbücher, Gottseidank ist das Gehör wenigstens noch intakt, eine große Gnade, findet sie.
Nichts ist schlimmer als das pfeifende Geräusch schlecht eingestellter Hörgeräte !
Früher hatte sie leidenschaftlich gestrickt und gehäkelt. 
Überhaupt hat Handarbeit ihr Leben bereichert und ihr viel Spaß gemacht. Jetzt machen die Finger einfach nicht mehr so mit.
Trotzdem liegt auf dem kleinen Beistelltischen ein Knäuel Wolle und eine Häkelnadel.
Sie will es nochmal versuchen Topflappen braucht man immer, sie schmunzelt vor sich hin.
Manchmal sieht sie ihr Spiegelbild in einer Fensterscheibe und kurz erschrickt sie, . . . das soll ich sein ?
Sie sieht sich immer noch im Alter so um die 50 herum, so denkt und fühlt sie doch !
Warum nur passen Körper und Geist im hohen Alter einfach nicht mehr zusammen  . . . sie ist doch noch jung . . . 

Sie nimmt am Leben teil, an den Nachrichten ist sie interessiert, was die Enkel alles so treiben verfolgt sie wohlwollend und verständnisvoll und auch der Anblick gut gewachsener Männer lässt sie immer noch nicht kalt.

Sie seufzt und schwelgt in Erinnerungen.

Draußen wird das Licht langsam schwächer.

Die Umrisse der großen Parkbäume vor dem Fenster fangen an, sich mit der hereinbrechenden Dunkelheit zu verschmelzen, die Konturen werden weich, verschwinden in der Nacht.
Ein leichter Wind lässt die kahlen Zweige knarren.
Langsam steigt der Mond auf und sein fahles Licht erleuchtet das Zimmer.
Die alte Dame sitzt noch immer in ihrem Sessel.
Nur ihr Kopf ist etwas zur Seite geneigt, so , als würde sie ein Nickerchen machen  - es ist ein Nickerchen für die Ewigkeit.







Kommentare:

  1. Eine gnädige Geschichte...irgendwie fällt mir kein anderes Wort dafür ein und es soll ein Kompliment sein...
    Annette

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  2. Ja, so würde jeder wohl gerne mal in die Ewigkeit gehen ...
    Liebe Grüße Linda

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  3. Liebe Jutta, das hast Du so authentisch beschrieben, so fühlt man sich auch in den 60ern (gedanklich, nicht unbedingt körperlich) schon und so ein Ende wünschen wir uns doch alle!!
    Liebe Grüße von Anna

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  4. So nicely written!
    http://travelingbugwiththreeboys-kelleyn.blogspot.com/2015/12/traditions-corner-view.html

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  5. o ja das es so wäre noch einiger massen zu erleben dieses hohe Alter und so gehen für immer wäre auch mein Wunsch.. ich bin nur froh dass ich das nicht weis wie es wird später!
    Wunderbar erzählt sehr berührend.
    Lieben Gruss Elke

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  6. Hallo Jutta,
    eine schöne Geschichte, jedoch ich möchte so alt nicht werden. Habe allerdings die Befürchtung,
    dass der liebe Gott mich so alt werden lässt. 93 Jahre alt wurde auch die Schwiegermutter meiner Schwester.
    Sie fuhr mit 93 Jahren noch mit dem Rad. Das muß man sich mal vorstellen. Morgens ging sie aus dem Haus
    und sagte zu ihrer Tochter, bei der sie wohnte, sie sei sooo müde. Aber sie müsse noch ein Brot kaufen.
    Sie kam zurück und legte das Brot weg. Ging zum Bett und legte sich hin. Sie ist nie wieder aufgewacht.
    Ein schöner Tod von Oma Pußta.
    So nannten sie ihre Kinder und Enkel.

    LG Eva

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  7. Eine fiktive geschichte so könnte es sein, so wünscht man es sich. Meien Mutter wurde 91 Jahrte, wenn ich in dem Alter so klar im Kopf bin und einigermaßen auf den beinen, ja ...dann könnte ich mir vorstellen so alt zu werden. Es kommt ja immer auf die Gesundheit an, auf Augen und Ohren.
    Schöne kleine Geschichte, Klärchen
    Oma Pußta von Eva Laub beschrieben, so würde man es sich wünschen!

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  8. eine sehr nachdenkliche aber auch schöne geschichte, wie es ist, sein könnte oder man es sich wünscht auch so zu erleben liebe Jutta.
    Fiktiv werden wir sie spätestens dann nicht mehr nennen, wenn wir ähnliches selbst erleben,
    der liebe Gott wirds richten, so sagen, wünschen, formulieren wir aus was wir uns nicht vorzustellen wagen: wie es sein wird, wenn Wir gehen.
    danke für diese geschichte....

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  9. Ein schöner Tod ohne Krankheit und Leid, sehr schön geschrieben. Danke schön. Liebe Grüße Eva

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Falls euch dazu was einfällt, ich würde mich über eure Ansichten dazu freuen.
Dankeschön